Die Eckpunkte der Gezeiten dieses Reviers lassen ehrfürchtig aufhorchen, aber genau deshalb ging es dorthin: Höhe der Gezeit bis 12 m, Gezeitenströme bis 10 kn. Beides zweistellig, bei beiden Größen ist Wachsamkeit erforderlich. Bei der Vorbereitung auf den Törn blätterte ich durch den Reeds Almanach, merkte bei einigen Einträgen auf, in denen es dann hieß, „nur bei guter Sicht zu befahren“ oder „nur von erfahrenen Schiffsführern zu befahren“. Wenn man sonst nur die Gezeiten der Nordsee kennt, schien es also interessant zu werden – wurde es auch!

Rainer bietet fast jedes Jahr einen Gezeiten-Törn an, ich wollte schon letztes Jahr mitfahren, da passte es zeitlich nicht. Diesmal hat es endlich geklappt. Wir waren zu sechst auf dem Schiff, mit Rainer und Andreas, die ich schon als Ausbilder auf meinem SSS-Törn kannte, sowie drei weitere Segler.

Beim Ankommen in St Malo war erst einmal die Überraschung groß, dass wir die Rampe zu den Schwimmstegen fast im Klettermodus runtergehen müssen. Es ist Niedrigwasser, Springtide, also geht’s steil runter. Gepäck runter tragen ist unmöglich – das kommt später – , man muss sich an den Handläufen festhalten. Die Pfähle, die die Schwimmstege halten, ragen fast so hoch wie die Masten der Segelyachten aus dem Wasser, ein verrücktes Szenario.

Die Schiffe liegen nicht auf Grund, da der Hafen eine Barre hat, also eine Sperre auf dem Grund am Hafenausgang, die verhindert, dass der Hafen bei Niedrigwasser leerläuft. Alle Häfen, die wir angelaufen hatten, haben so eine Barre. dafür kann man natürlich erst den Hafen verlassen oder in ihn einlaufen, wenn die „Höhe der Gezeit“ so hoch ist, dass über der Barre genügend Wasser steht. In unserem Fall hieß das, dass wir erst bei 2,5m Höhe über der Barre (incl. Sicherheitszuschlag) rein- oder rausgefahren sind. Vorsicht ist auch geboten, wenn man im Hafen nicht bei Hochwasser sondern bei Flut oder Ebbe manövriert (einlaufendes oder auslaufendes Wasser), da dann die Strömung im Hafen sehr groß sein kann, und auch die Strömungsrichtung ist nicht immer vorhersehbar.

Nicht nur in den Häfen, auch auf den Schifffahrtswegen muss man auf die Wasserhöhe achten. Ein Hafen der Insel Jersey hat eine Zufahrt, die in der Karte grün eingetragen ist, sie liegt also bei Niedrigwasser trocken, Kartentiefe = -2,5m! Bei Niedrigwasser sieht man dort eine Wiese, auf der grüne und rote Fahrwassertonnen herumliegen – ziemlich abstrakt!

Die Gezeitenströme müssen bei der Törnplanung auch immer berücksichtigt werden. Wir hatten einmal die Situation, in der wir Fahrt durch’s Wasser Richtung Süden gemacht haben, Fahrt über Grund war aber nach Nord – das war extrem aber in abgemilderter Form hatten wir ähnliche Situationen. Besonders im Race of Alderney, der Durchfahrt zwischen dem Cap de la Hague und der Insel Alderney sind die Gezeitenströme extrem. Eine längere Strecke segelten wir dort auf dem Etmal nach Cherbourg vor dem Cap de la Hague mit Kurs über Grund von 80° aber einem rechtweisenden Kurs von ca. 150°. Man denkt, man würde gleich auflaufen, tut man aber nicht.

  Auf dem Rückweg von Cherbourg nach Jersey hatten wir Wind gegen Strom. Wir hatten nicht mehr Springtide sondern Mittide, das reichte aber, um das Wasser zum Kochen zu bringen. So sieht es wirklich aus: Aufgewühltes Wasser, keine Wellen aber schäumende See. Etwas unwirklich. Beim Race of Alderney steht im Reeds Almanach übrigens: Für Skipper, die das race of Alderney das erste Mal durchqueren, wird empfohlen, dies nicht bei Springtide sondern bei Nipptide zu machen. Gezeiten und Gezeitenströme sind dann angenehmer und nicht so gefährlich.

Aber nicht nur Seemannschaft und Navigation waren auf diesem Törn bemerkenswert; St Malo, Guernsey und Jersey laden ebenso ein zu netten Restaurants, interessanten Bustouren und schönen Wanderungen, absolut eine Reise bzw. einen Törn wert. Guernsey und Jersey haben die typische südenglische Vegetation, die auch der bretonischen ähnlich ist. Die kleinen Häuser und enge, durch Büsche begrenzte Straßen entschleunigen.

Ein faszinierender Törn, natürlich vor allem, wenn man vom Einfluss der Gezeiten begeistert ist. Rainer bietet im nächsten Jahr wieder einen Gezeitentörn an, ich finde ihn sehr empfehlenswert.

Peter Tasche